Samstag
Jun182011

Die Grundzüge am Kindeswohl ausgerichteter Bildungspolitik - Oder: Was ist christlich demokratische Bildungspolitik?

Ein Diskussionsbeitrag der ACDL Hessen - Stand: Mai 2011 - Gerrit Ulmke (Landesvorsitzender ACDL Hessen)

Präambel

Bildung ist gleichzeitig individueller Anspruch und gesellschaftliche Notwendigkeit. Sie garantiert Persönlichkeitsentwicklung und Wohlstand und ermöglicht Verantwortungsübernahme für die Gesellschaft. Bildung findet ihren Ausdruck im Fördern und Fordern. Sie kann ausschließlich in Freiheit gelingen und wird von Familie und Schule getragen. Stehen zunächst die Eltern in der Verantwortung, Erziehung und Bildung zu gewährleisten, hat der Staat dort unterstützend einzugreifen, wo Eltern den Ansprüchen der Gesellschaft an Förderung ihrer Kinder nicht gerecht werden können. Somit ist Bildungspolitik grundsätzlich ein Markenzeichen der an der Freiheit der Menschen orientierten christlich demokratischen Politik. Eine glaubwürdige Bildungspolitik ist verlässlich und berechenbar. Sie wird auf den Ergebnissen der Bildungsforschung gestaltet und schließt den Einfluss von Ideologien auf schulpolitische Entscheidungen aus.

Persönlichkeitsbildung

Ausgehend vom christlichen Menschenbild stellt Bildungspolitik das Individuum in den Mittelpunkt aller Bemühungen und erkennt an, dass Bildung einen ganzheitlichen An-spruch hat, der weit über abprüfbares Wissen hinausgeht. Bildung beinhaltet sowohl Erziehung als auch Bindung und zielt darauf ab, es jedem Menschen auf der Basis von Wissen und Methoden, Urteilsfähigkeit und Handlungskompetenz zu ermöglichen, ein eigenständiges Leben in sozialer Verantwortung zu führen. Die Schule leistet im Regelfall einen wesentlichen Beitrag zur individuellen Bildung, darf aber das Elternhaus sowie andere für die Sozialisation des Kindes wichtigen Instanzen nicht aus der Verantwortung entlassen oder verdrängen.

Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft

Eine umfassende persönliche Bildung ist die Grundlage des Einzelnen dafür, sein Leben bestreiten zu können und Grundlage einer Gesellschaft, ihre Zukunftsfähigkeit zu gestalten. Daraus ergeben sich für den demokratischen Staat das Recht und die Verpflichtung Bildung anzubieten und einzufordern. Es muss dies eine Bildung sein, die an ihren Ergebnissen gemessen weltweit konkurrenzfähig ist und dementsprechend geistig, wissenschaftlich und kulturell, geistliche, sozial und ethisch führend ist.

Lebenslanges Lernen

Notwendig dafür ist eine bildungspolitische Konzeption, die zunächst die Rolle der Familie und ihr verlässliches Umfeld im Bildungsprozess fördert, auf einer breiten Akzeptanz des lebenslangen Lernens fußt und damit von der frühkindlichen spielerischen Entwicklung und vorschulischen Erziehung über die schulische, berufliche und universitäre Bildung bis zur Fort- und Weiterbildung alle benachbarten Bereiche verzahnt und die jeweiligen Akteure untereinander aber auch mit ihrem lokalem Umfeld von beispielsweise Kirchen und Organisationen, Vereinen und Wirtschaft vernetzt.

Individuelles Lernen

Lernen vollzieht sich individuell. Oberstes Ziel aller Bildungsbemühungen ist somit die Individualisierung der Lernprozesse. Das Postulat "längeres gemeinsames Lernen" kann sich deshalb ausschließlich auf die Zeit vor der Grundschule beziehen. Die Verbindung von Fördern und Fordern sowie eine klare Leistungsorientierung müssen weiterhin Maßstab bleiben. Der Erfolg des einzelnen ist von seinem Engagement abhängig.

Bildungsgerechtigkeit

Bildungsgerechtigkeit verlangt nach einem begabungsgerechten, mehrgliedrigen Schulsystem, das für jeden das richtige Bildungsangebot bereithält - und nicht für alle das gleiche. Individuell müssen die Bildungswege sein, sowohl die eher theorie- als auch die eher praxisorientierten, sowohl die allgemein- als auch die berufsbildenden, so individuell wie die Kinder und Jugendlichen, die hier lernen sollen. Das bedeutet bei der Heterogenität der Schülerschaft auch ein heterogenes Bildungsangebot und bei dann entstandenen ho-mogeneren Lerngruppen individualisierte Angebote.

Mehrgliedrigkeit und Anschlussfähigkeit

Lernen und Lehren verläuft in homogenen Gruppe einfacher und erfolgreicher. Es wird Lernenden und Lehrenden eher gerecht. Hierin liegt der Grund für die Gliederung des Schulwesens. Die Anzahl der Glieder orientiert sich primär an den pädagogischen Erfordernissen, beachtet aber auch die demographische Entwicklung. Mehrgliedrigkeit ermöglicht eine effektivere Ressourcennutzung, die allen Beteiligten zugute kommt. Die Ausprägung der Mehrgliedrigkeit gewährleistet immer ein differenziertes System von Abschlüssen und ist damit anschlussfähig und durchlässig, offen für lebenslanges Lernen und sackgassenfrei. Auf Dauer wird sich ein mehrgliedriges Schulsystem mit hoch differenzierter Mittelstufenschule und Gymnasium etablieren, das durch berufliche und gymnasiale Oberstufen ergänzt wird. Die Schulen steuern die innere Organisation selbst und achten darauf, dass die Jugendlichen rechtzeitig, das heißt zwei Jahre vor einem jeweiligen Abschluss, Praxisklassen für diejenigen einführen, die in den Beruf streben.

Christlich demokratische Förderung: Jedes Kind im Blick

Christlich demokratische Bildungspolitik hat alle Kinder und Jugendlichen gleichermaßen im Blick und lässt keinen zurück. Anhand von ausgewählten Beispielen wird dies deutlich:

Sonderpädagogische Förderung

Die Aussagen zur Bildungsgerechtigkeit gelten explizit für alle Schülerinnen und Schüler und ganz besonders für Menschen mit Behinderungen. Dies bedeutet, dass aus dem christlichen Menschenbild heraus deren Förderung einen besonderen Stellenwert einnimmt. Und da diese Förderung im Regelfall am besten in einem hochdifferenzierten Förderschulsystem erfolgt, ist dies zu stärken. Es ist dabei unerheblich, ob der Lernort im Einzelfall auch in einer Regelschule angesiedelt ist. Auf jeden Fall muss einer Abschaffung der Förderschulen unter dem Deckmantel falsch verstandener Inklusion deutlich entgegengetreten werden.

Förderung von Kindern und Jugendlichen aus bildungsfernen Elternhäusern

Stehen zunächst die Eltern in der Verantwortung, Erziehung und Bildung zu gewährleisten, hat der Staat dort unterstützend einzugreifen, wo Eltern den Ansprüchen der Gesellschaft an Förderung ihrer Kinder nicht gerecht werden. Diese Förderung umfasst schulische wie außerschulische Förderung und bezieht damit Nachmittage für die Anfertigung von Hausaufgaben und die Freizeitgestaltung, z. B. durch sportliche und kulturelle Förderung, explizit mit ein. Ferien werden für gezieltes Training und ggf. Freizeitgestaltung einbezogen. Eine gute und offensive Bildungspolitik auch außerhalb der schulischen Kernzeiten ist präventive Sozialpolitik. In diesem Zusammenhang ist wichtig, dass die Angebote allen Schülerinnen und Schülern für eine freiwillige Teilnahme offen stehen, verpflichtend aber nur für den Fall der Vorbeugung von Schulversagen gemacht werden.

Förderung von Kindern und Jugendlichen aus finanziell schwachen Elternhäusern

Eine erfolgreiche Bildungsbiographie darf nicht von der finanziellen Situation der Eltern abhängen. Deshalb werden seitens der Gesellschaft bzw. der Schule oder beispielsweise durch Stipendien die schulischen Grundbedürfnisse aller Schülerinnen und Schülern aus weniger begüterten Elternhäusern gedeckt. Dazu gehören ausgewogenen Mittagsmahlzeiten ebenso wie die Finanzierung von besonderen Vorhaben, die im Zusammenhang einer umfassenden Bildung zu sehen sind.

Förderung besonders begabter Schülerinnen und Schüler

Auch die Leistungsträger unter den Kindern und Jugendlichen erfahren eine besondere Förderung. Schulische Maßnahmen stellen sicher, dass die Begabten, die Leistungsfähigen, die Leistungswilligen sich ihren Bedürfnissen gemäß entwickeln können. Dazu ist nicht selten die Kooperation mit außerschulischen Einrichtungen anzustreben.

Schule am Nachmittag

Schule ist mehr als Unterricht am Vormittag. Für viele Schülerinnen und Schüler stellen Bildungsangebote und Aktivitäten am Nachmittag, die in Kooperation mit außerschuli-schen Partnern wie beispielsweise Vereinen und Musikschulen auszugestalten sind, wichtige Entwicklungsimpulse und -erfahrungen dar. Diese Angebote sind nie für alle verpflich-tend, sondern werden von der selbstständigen Schule den Bedürfnissen der Familien vor Ort angepasst.

Schulorganisation

Schule ist so zu gestalten, dass die Selbstständigkeit zu einer Aufhebung der Trennung von Schulträger und Land führt. Die Entscheidungsfindung beispielsweise über die Verwen-dung von Geldern geschieht in der Einzelschule, vor Ort und unabhängig von irgendwelchen Kostenstellen.

Eigenverantwortung – selbstständige Schule

Zur Organisation von Schule gehört eine weitgehende Selbstständigkeit. Selbstständigkeit ist ein Garant dafür, dass vor Ort die Entscheidungen getroffen werden, die zu den Problemen vor Ort passen. Das beinhaltet sowohl pädagogische, organisatorische, personelle und wirtschaftliche Belange. Schulische Selbstständigkeit dient also in erster Linie der Qualitätsverbesserung von Unterricht und Schule allgemein und ist kein Selbstzweck! Die Verantwortung des Staates für die Bildung und Schule bleibt bestehen. Eigenverantwor-tung ist also ein Wettbewerb zwischen Einzelschulen und Bildungslandschaften um die besten Ideen auf dem Weg zu einem definierten Bildungsziel.

Evaluation

Aus der zunehmenden Eigenverantwortung ergibt sich eine zunehmende Rechenschaftspflicht gegenüber der Öffentlichkeit und der Schulaufsicht. Interne und externe Evaluation zur Darlegung von Output und Prozessen sind selbstverständliche Maßnahmen der selbstständigen Schule. Zur Rechenschaftslegung gehören auch zentrale Orientierungs- und Vergleichsprüfungen, die zielbezogene Bildungsstandards als Referenzrahmen akzeptieren und im Idealfall länderübergreifend angelegt sind, um Mobilität und Anschlussfähigkeit in Deutschland zu gewährleisten.